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45 der verkehrsreichsten Bahnhöfe weltweit befinden sich in Japan. In Tokyo werden durch die Bahngesellschaft der Hauptstadt jährlich über 13 Milliarden Fahrten abgewickelt. Für den flüchtigen Beobachtenden mag es wie Chaos vorkommen. Beim genauen Hinschauen lässt sich allerdings feststellen, dass eine Bahnstation zwar voll sein mag, Fahrgäste sich aber vergleichsweise reibungslos über die Bahnsteige bewegen.

Speziell japanische Bahnhöfe, welche zu Stoßzeiten von Zügen mit 200-prozentiger Auslastung angefahren werden, sind ideale Praxisbeispiele, wie ein derartiges Fahrgastaufkommen und -verhalten mittels unterbewusstem Einsatz durch Informationsdesign, Licht oder speziell Sound gesteuert werden kann. Der Kreativität gezielt eingesetzter Nudges zur Optimierung der Fahrgastbewegung ist an Tokyoter Bahnhöfen beinahe keine Grenzen gesetzt.

 

Ankunfts- und Abfahrts-Jingles für U-Bahn am Bahnsteig

Der Bahnbetreiber JR East beauftragte 1989 Yamaha und den Komponisten Hiroaki Ide damit, Hassha-Melodien zu kreieren – kurze, beruhigende und klare Jingles mit hohem Widererkennungswert. Ziel und Funktion der hassha-Melodien ist es, Fahrgäste über die bevorstehende Ankunft oder Abfahrt eines Zuges zu informieren, ohne Beunruhigung, Stress oder Angst auszulösen. Auch für aussteigende Personen resultiert dadurch eine wesentliche Stressreduzierung beim Verlassen der Bahnen. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Melodien von kürzerer Dauer bestens dazu geeignet sind, Stress der Fahrgäste zu reduzieren und gleichzeitig die benötigte Zeitspanne ein- und abfahrender Bahnen zu berücksichtigen. In diesem Kontext wurde die große Mehrheit der Melodien auf eine optimale Länge von genau sieben Sekunden komponiert.

Nahezu jede U-Bahn-Linie weist mittlerweile einen individuellen Jingle auf, wodurch Bahnhöfe eine eigene Identität mit spezifischer Erkennungsmelodie entwickeln. Darunter befinden sich auch bekannte Auszüge aus (Disney-, Star Wars-) Filmen oder Melodien aus einem der erstmalig ausgespielten und bekanntesten Anime Cartoons „Astro Boy“. 

Den Erfolg und Bedarf der weit verbreiteten Melodien zeigten letztlich eine Studie aus dem Jahr 2008, durchgeführt an Stationen in Tokyo. Unter anderem wurde eine 25-prozentige Verringerung der Anzahl von Fahrgastverletzungen, die auf Hetze zurückzuführen waren, bewirkt, nachdem auf bestimmten Bahnsteigen Hassha-Melodien eingeführt worden waren.

Minoru Mukaiya ist der Komponist hinter den Jingles und einer der meistgespielten Musiker:innen der Welt. Kaum jemand kennt seinen berühmtesten Titel, ein elektronischer Sound, welcher bei der Abfahrt des Tokyoter Bahnhofs Shibuya – dem drittgrößten Bahnhof der Welt – gesendet wird. Millionen von Menschen haben es Stunden nach der Fahrt allerdings noch im Kopf.

Wie Mukaiya sagt, motivieren die Jingles Menschen, in Bewegung zu bleiben. Sie wissen, dass die U-Bahn-Türen während die Melodie zu hören ist, nicht schließen, wodurch diese angeregt werden, noch in die Bahn zu steigen. An dieser Stelle ist zu betonen, dass U-Bahn-Stationen in Tokyo ein derartiges Fahrgastaufkommen aufweisen, sodass es höchst essenziell für Bahnbetreiber ist, so viele Personen wie möglich zu transportieren. Andernfalls wäre der Bahnsteig nach kürzester Zeit überlaufen.

Sound-Installationen als Teil eines Ökosystems an japanischen U-Bahn Stationen

Neben Ankunfts- und Abfahrts-Jingles bestehen darüber hinaus weitere kluge Sound-Installationen. Die audiovisuelle Erfahrung beginnt bereits weit vor der Ankunft am Gleis. 

Der TrainPass, welchen es in verschiedenen Ausführungen gibt (etwa Pay per Ride oder als Zeitkarte in variablen Intervallen) kommuniziert mit einem Piep-Ton den erfolgreichen Zugang zu den Gleisen. Piept das System allerdings zweimal, wird der Fahrgast darüber in Kenntnis gesetzt, dass die Zeitkarte abgelaufen ist oder ein neuer Monat angebrochen ist und somit aktiv Geld für diese Fahrt abgebucht wird.

Rolltreppen sind darüber hinaus mit weiteren Audiosignalen versehen, sodass Fahrgäste in der Nähe und vor Verwenden der Rolltreppe darauf hingewiesen werden, wo diese hinführt, und bereitet diese entsprechend darauf vor, was am Ende der Rolltreppe zu erwarten ist.

Fahrgäste können ebenfalls ein bewusst gewähltes Vogelgezwitscher des japanischen Flycatcher Bird wahrnehmen, um etwa den Übergang von Drinnen nach Draußen, etwa in Unterführungen oder Gänge zu Bahnsteigen unter freiem Himmel, hervorzuheben und zu betonen.

Wassergeplätscher an vereinzelten Stationen ist darüber hinaus eine weitere Sound-Installation, welche suggerieren soll, dass sich in der direkten Umgebung Sanitäranlagen befinden können. Vor Jahren wurden sogar Forschungen betrieben, ob Düfte als sinnlicher Trigger je Station die Orientierung und somit Identität verbessern können.

Je mehr Sound desto besser?

Der Einsatz dieses audiovisuellen Ökosystems, speziell der von sich ständig wiederholender Jingles, ist allerdings auch stark umstritten.

Unter dem Begriff „Noise Pollution“ versteht man in dieser Hinsicht die akute Lärmbelästigung von bspw. Anwohner:innen von Freiluftbahnhöfen, die stündlich und täglich immer und immer wieder die gleichen Jingles in Endlosschleife hören.

Japanische Soundscapes an U-Bahn-Stationen zeigen andererseits aber eine Tatsache klar auf; nämlich die unermüdliche Motivation und Kreativität zugunsten des routinierten Bahnverkehrs und dem Personenaufkommens, wodurch optimale Bedingungen geschaffen werden, Stress, Beunruhigung und Ängste zu reduzieren und Bahnfahrten effizient und sicher abwickeln zu können.

Mit gezieltem Einsatz unterbewusster Nudges können täglich aufs Neue Menschenmassen dazu beeinflusst werden, genau das zu tun, was Bahnbetreiber an Ort und Stelle bezwecken.

In diesem Sinne können deutsche Verkehrsunternehmen aus Asien eine Menge adaptieren oder kulturell angepasste Möglichkeiten austesten, um Fahrgasterlebnis und -zufriedenheit, aber auch den betrieblichen Verkehr nach Plan und die Sicherheit aller zu verbessern.

 

 

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