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Öffentliche Transportmittel sind nicht mehr nur eine Möglichkeit, von A nach B zu kommen. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft und machen, besonders in Städten, einen wesentlichen Teil im Alltag vieler Menschen aus. Umso wichtiger ist es, die Probleme und Herausforderungen, die mit öffentlichen Transportmitteln in Verbindung stehen, anzugehen. Ein Problemlösungsansatz, der in vielen Bereichen hohes Potenzial aufweist, ist die Nudging-Theorie. Im Folgenden werden einige dieser Nudging-Methoden, die in der Mobilität eingesetzt werden, beleuchtet.

Schon 1977 hat Michael Thomson in seinem Buch „Great Cities and Their Traffic“ sieben wesentliche Herausforderungen im Bereich der Mobilität von Städten beschrieben, die auch heute noch eine hohe Relevanz haben:

  1. Traffic movement & congestion
  2. Accidents
  3. Peak-hour crowding on public transport
  4. Off-peak inadequacy of public transport
  5. Difficulties for pedestrians
  6. Environmental impact
  7. Parking difficulties [1]

Ergänzt werden diese von neuen Trends wie Nachhaltigkeit, Effizienz, Sicherheit und Sauberkeit. Alle Aspekte sind stark abhängig vom Verhalten der Fahrgäst:innen und Verkehrsteilnehmer:innen. Der bisher häufigste Weg für Transportunternehmen oder Städte, diese Probleme anzugehen, besteht darin, Regeln und Verbote aufzustellen. An vielen Stellen zeigt sich jedoch, dass diese nicht effektiv sind. Um den gewünschten Outcome zu erhalten, benötigt es neue Ansätze.

Ein Nudge ist eine kleine Hilfe oder Intervention, die eine Architektur der Wahl kreiert und Personen ohne Zwang ermutigt, virtuoses Verhalten anzunehmen. (Thaler und Sustein, 2008) [2]

Mehr, schneller, besser – Wie die Effizienz der öffentlichen Verkehrsmittel erhöht werden soll


Dass sich ein Transportunternehmen für eine 20 Sekunden zu frühe Abfahrt einer Bahn ausführlich entschuldigt, wie es im November 2017 in Japan der Fall war, ist in der Regel doch eher ungewöhnlich. [3] Bekannter sind Szenarien, in denen Züge regelmäßig Verspätungen haben. Die Gründe für diese Verspätungen hängen laut Gareth Powell, dem Director of Strategy bei der London Underground und Chief Operating Officer bei London Rail, in einem Drittel der Fälle mit dem Verhalten der Kund:innen zusammen. [4]

2016 hat die London Underground zusammen mit dem Behavioral Science Department der London School of Economics nach Optimierungsmaßnahmen gesucht. Ergebnis waren Nudges wie etwa Aufkleber mit Hand- und Fußabdrücken, welche die Gäst:innen dazu anregen sollten, sich auf alle verfügbaren Rolltreppen zu verteilen oder sich seitlich bei den sich öffnenden Türen anzustellen. So konnten die Kapazität sowie die Abläufe der Teststation Holborn effizienter genutzt und gestaltet werden. Fahrgäst:innen sollten dadurch abgehalten werden, am Gleis zu rennen, um die sich bereits schließenden Türn des Zuges noch zu erreichen. [4] 

Ebenfalls einen visuellen Nudge haben australische Wissenschaftler:innen in Experimenten zur Verbesserung sogenannter People Flows, also Passagierströme, getestet. Mit einem intelligenten Kamerasystem konnten schlendernde Tourist:innen von zügig laufenden Geschäftsleuten unterschieden werden, um diese mit blinkenden Pfeilen über die effizienteste Route zum Ausgang zu leiten. [5]

Schulter an Schulter versus 1,5 Meter Abstand – Pandemie ist treibender Faktor

Die Überlastung von Zügen und überfüllte Bahngleise zählen durch die steigende Anzahl der Fahrgäst:innen und insbesondere angesichts der neuen Abstandsgebote durch die Covid-19-Pandemie zu den kritischsten Problemen. Für Unternehmen wie der Schweizerischen Bundesbahnen AG ist klar, dass Verbote und Regelungen langfristig nicht durchsetzbar und effektiv sind. [6] Stattdessen ist der Plan, Fahrgäst:innen durch digitale Nudges auf weniger ausgelastete Züge umzuleiten.

Licht statt Barrikaden – Warum Japans Bahnsteige blau leuchten

Neben der Effizienz spielt auch die Sicherheit am Bahngleis eine wichtige Rolle. Eine unschöne Tatsache, mit der Bahnbetreiber:innen immer wieder konfrontiert werden, sind Suizide im Bahnverkehr. Laut Antwort der Bundesregierung auf Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion gab es im Jahr 2019 in Deutschland etwa 778 Todesopfer und 1441 Verletzungen durch „Suizid“, „Bahnübergangsunfall“ oder „unberechtigtes Betreten von Gleisanlagen“, welche von der DB Netz AG erfasst wurden. [7] Auch Japan ist dieser Herausforderung ausgesetzt. Dort wurden 2009 – auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse über die beruhigenden Effekte von blauem Licht auf die Stimmung von Menschen – blaue Lichtquellen zur Prävention von Suiziden an Bahngleisen installiert. 

Während die starke Reduktion der Todesfälle von 84 Prozent wegen des Konfidenzintervalls von 14 bis 97 Prozent auch kritisch betrachtet werden sollte, ist dennoch eine Reduktion der Suidzidfälle an den betroffenen Stationen zu vermerken. [8] Auch Großbritannien setzt seit einigen Jahren blaues Licht an ihren Bahnsteigen ein, zum Beispiel auch am Gatwick Flughafen Bahnhof. [9] Das blaue Licht stellt eine deutlich günstigere sowie schnellere Alternative zu Barrikaden dar, um Unfälle am Gleis zu vermeiden und Stress bei Fahrgäst:innen kurzfristig zu lindern.

“The transport and mobility sector is increasingly turning to subtler methods to drive affordable, sustainable and transformative behavioural change.” (Marie-Noëlle Bauer) [10]

Blitzeblank – So werden die Bahnhöfe sauber gehalten

Zu den am weitesten verbreiteten Nudges gehören wohl die, die eine korrekte Müllentsorgung zum Ziel haben. Ob es Wegweiser auf dem Boden, Sprüche vor, auf oder neben dem Mülleimer, Formen der Mülleimer oder andere Formen von Nudges sind, sie zeigen alle, wie wichtig die Themen Verschmutzung und Müllentsorgung sind. Während die meisten dieser Nudges im Bereich des öffentlichen Transports visueller Natur sind, gibt es auch Nudges, welche andere Sinne ansprechen. Seit einigen Jahren werden zum Beispiel auditive Nudges zur Prävention von Vandalismus und unerwünschten längeren Aufenthalten in Gängen oder ähnlichem – vor allem durch junge Menschen – eingesetzt. Diese sind in der Regel im Gegensatz zu Menschen über 25 Jahren in der Lage, eine unangenehme Frequenz von 17 Kilohertz wahrzunehmen. Der Vandalismus soll durch den gezielten Einsatz dieser Frequenz an relevanten Orten verringert werden.[5]

Die Vielfalt der Nudges im öffentlichen Verkehr ist groß. Trotzdem gibt es weiterhin Probleme, die nicht adressiert werden oder noch keine passende Lösung haben. Es werden zudem stetig neue Herausforderungen auf Bahnbetreiber:innen, Städte und Fahrgäst:innen zukommen, die es zu bewältigen gilt. Hier zeigen die langjährigen Tests mit verschiedenen Nudges sowie jüngere wissenschaftliche Erkenntnisse zu Nudging-Theorien das große Potenzial dieser Methode für den öffentlichen Verkehr. Jetzt gilt es nur, diese sinnvoll einzusetzen und smarte Nudging-Lösungen für die echten Herausforderungen am Bahngleis umzusetzen.

Quellen:

  1. Michael Thomson: Great Cities and Their Traffic (1977)
  2. Richard H. Thaler, Cass R. Sunstein: Nudge: Improving decisions about health, wealth, and happiness (2008)
  3. BBC: Apology after Japanese train departs 20 seconds early (2017) https://www.bbc.com/news/world-asia-42009839
  4. RAILWAYTECHNOLOGY: The nudge: how to influence railway passenger behaviour (2016) https://www.railway-technology.com/features/featurethe-nudge-how-to-influence-railway-passenger-behaviour-4840477/
  5. Allan Richarz: The Amazing Psychology of Japanese Train Stations: The nation’s famed mastery of rail travel has been aided by some subtle behavioral tricks (2018) https://www.bloomberg.com/news/articles/2018-05-22/the-amazing-psychology-of-japanese-train-stations
  6. Ilaria Grasso Macola: A digital nudge for social distancing on trains: lessons from the IRS webinar (2020) https://www.railway-technology.com/features/digital-nudge-socia-distnacing-lessons-irs-webinar/
  7. Deutscher Bundestag 19. Wahlperiode: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Katja Hessel, Christian Dürr, Grigorios Aggelidis, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP– Drucksache 19/17330– (2020) https://dserver.bundestag.de/btd/19/182/1918289.pdf
  8. Tetsuya Matsubayashi, Yasuyuki Sawada, Michiko Ueda: Does the installation of blue Lights on train platforms shift suicide to another station?: Evidence from Japan (2014) https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25151192/
  9. Chris Baraniuk: Japanese train companies appeared to have found that soothing blue lights could reduce the rate of suicides at station. But does the “nudge technique” really work? And if so, how? (2019) https://www.bbc.com/future/article/20190122-can-blue-lights-prevent-suicide-at-train-stations
  10. Marie-Noëlle  Bauer: The transport and mobility sector is increasingly turning to subtler methods to drive affordable, sustainable and transformative behavioural change.(n.a.) https://pulse-mag.com/en/nudging-ahead/ 

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